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2020-04-08T15:24:34+00:0008.April 2020|

Österreich:

Rücken Nachhaltigkeitskriterien zu Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) durch die Corona-Krise in den Fokus unseres Wirtschaftssystems?

Mit dem Zusammenspiel zwischen Umwelt, Mensch und Tier beschäftigen sich Wissenschaftler nicht erst seit dem Ausbruch von SARS-CoV-2, derzeit steht das Thema Zoonose mit der vorherrschenden Corona-Krise deutlicher denn je im Mittelpunkt. Wer die vorherrschende Krise auf ein Risiko für die Nachhaltigkeitskriterien zu Umwelt, Soziales & Unternehmensführung (ESG) beschränkt, macht es sich sicher zu einfach. Die Bilder und Nachrichten, die uns täglich erreichen, deuten vielmehr auf eine umfassende systemische Krise hin.
Eine systemische Krise mit weitreichenden ökonomischen aber auch sozialen und ökologischen Folgen.
Wir bekommen gerade vor Augen geführt, dass E(nvironmental), S(ocial) und G(overnance)“ viel enger mit einander verflochten sind, als wir bisher vermutlich angenommen haben. Die aktuelle Krise könnte Finanzmarktakteuren ein Warnsignal sein und einen deutlichen Wendepunkt markieren: in ihren Analysen könnten Investoren dem „S(ocial)“ und dem „G(overnance)“ mehr Bedeutung zukommen lassen.

Woran lässt sich das erkennen? – Verschobene Hauptversammlungen und weitere Auswirkungen

Wir sind mitten in der Saison der Jahreshauptversammlungen von börsennotierten Unternehmen. Die in vielen Ländern vorherrschenden Beschränkungen verhindern, dass Menschen physisch zu Versammlungen zusammenkommen. Der Schweizer Energie- und Automatisierungstechnikkonzern ABB hält beispielsweise seine Generalversammlung ab, aber ohne Aktionäre. Ihr Stimmrecht nehmen sie indirekt wahr, über den unabhängigen Stimmrechtsvertreter. Eigentlich wäre jetzt Zeit für Hauptversammlungen im virtuellen Raum, dem stehen aber rechtliche Hürden im Weg. Das österreichische Aktiengesetz (AktG §102) lässt eine rein virtuell abgehaltene Hauptversammlung eigentlich nicht zu. Selbst zur Präsenzveranstaltung begleitende elektronische Kommunikationskanäle dürfen nur dann verwendet werden, wenn dies auch in der Satzung verankert ist. Viele Unternehmen haben daher ihre Hauptversammlungen auf unbefristete Zeit verschoben. In Deutschland sieht es ähnlich aus. Die Regierungen sowohl in Österreich als auch Deutschland haben aber mittlerweile darauf reagiert und eine entsprechende Gesetzesänderung veranlasst. Vor allem geht es hierbei um die Rechtskraft der Beschlüsse.

Durch das neue COVID-19-Gesetz (COVID-19-GesG) dürfen in Österreich Versammlungen von Gesellschaften und Organmitgliedern einer Kapitalgesellschaft auch ohne physische Anwesenheit der Teilnehmer durchgeführt werden (§ 1 Abs 1 Gesellschaftsrechtliches COVID-19-Gesetz). Außerdem wird unter § 2 die achtmonatige Einberufungsfrist, in der die ordentliche Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft stattzufinden hat, auf zwölf Monate verlängert.
Die Verschiebung einer Hauptversammlung bleibt nämlich nicht ohne Folgen. So sind einige Unternehmen gezwungen, ihre Dividendenzahlungen ebenfalls bis zur Durchführung einer (Präsenz-) Versammlung zu verschieben. Doch damit nicht genug. Hier fällt ein Dominostein nach dem anderen. Eine Verschiebung der Dividendenauszahlung bedeutet für renditeorientiere Investoren ein kurzfristiges finanzielles Risiko. Es hat aber auch langfristige finanzielle Folgen sowie ein Risiko für die Reputation, wenn Unternehmen in Zeiten wie diesen an einer unveränderten Ausschüttungspolitik festhalten. Wie rechtfertigt sich aktuell eine Dividendenzahlung, wenn Unternehmen zugleich um staatliche Unterstützung ansuchen?
Die Wirtschaftskrise als Folge der Corona-Pandemie kann aus unserer Sicht durchaus einen strukturellen Wandel forcieren, der am Finanzmarkt eine „verantwortungsvolle Dividende“ wieder mehr in den Fokus rückt. Denn eine gerechte Verteilungspolitik, auch was Gehälter von Führungskräften betrifft sowie Mitarbeiter- und Aktionärsvergütungen, könnte im Zuge der aktuellen Krise wieder näher in den Mittelpunkt unseres wirtschaftlichen Tuns rücken. Generell ist zu erwarten, dass nachhaltiges (finanzielles) Wirtschaften neu definiert werden kann.

Fahr nicht fort, kauf im Ort

Regionalität ist eine Antwort, wenn nicht die Antwort auf Versorgungssicherheit, wenn die Mechanismen der Globalisierung dysfunktional sind. Während unser globales Reiseverhalten den Virus in wenigen Monaten rund um den Erdball getragen hat, richtet sich unser Konsumverhalten gerade wieder zunehmend regional aus. War bis vor kurzem „Just-in-time“ das propagierte Konzept, wird Lagerhaltung zum Thema der Stunde. Investoren dürften zukünftig wieder vermehrt auf Lieferkettenmanagement, gerade bei produzierenden Unternehmen achten. Zertifizierungen wie ISO280001 sollten Unternehmen als auch Investoren zukünftig mehr an Bedeutung zukommen lassen. Es ist mitunter spielentscheidend, wie Unternehmen ihre Lieferketten organisieren. Lassen gerade große Unternehmen viele kleine oder mittelständische Zulieferer lange auf Zahlungen warten, kann das schnell zum Scheitern der Kleinen führen. Auch auf die Diversifikation bei den Zulieferunternehmen wird zukünftig wohl wieder mehr geachtet werden. Es war zuletzt häufig zu beobachten, dass Unternehmen diesbezüglich alles auf eine Karte gesetzt haben.
Die aktuelle Lage unterstreicht sehr deutlich wie wichtig es ist am „Aktionsplan: Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ der EU festzuhalten. Gerade die Maßnahme 10 macht dies deutlich:

Maßnahme 10: Förderung einer nachhaltigen Unternehmensführung und Abbau von kurzfristigem Denken auf den Kapitalmärkten

  1. Zur Förderung einer Unternehmensführung, die bessere Rahmenbedingungen für nachhaltige Investitionen schafft, wird die Kommission zum 2. Quartal 2019 zusammen mit den maßgeblichen Interessenträgern Analysen und Konsultationen durchführen, um zu bewerten, i) ob die Leitungsgremien der Unternehmen möglicherweise verpflichtet werden müssen, eine Nachhaltigkeitsstrategie‚ einschließlich angemessener Sorgfaltspflichten in der gesamten Lieferkette, sowie messbare Nachhaltigkeitsziele auszuarbeiten und zu veröffentlichen; und ii) ob die Vorschriften, nach denen die Direktoren im langfristigen Interesse des Unternehmens vorgehen sollten, präzisiert werden müssen.
  2. Die Kommission fordert die Europäischen Aufsichtsbehörden auf, bis zum 1. Quartal 2019 Nachweise für einen unangemessenen kurzfristigen Druck der Kapitalmärkte auf Unternehmen zusammenzutragen und gegebenenfalls weitere Schritte auf der Grundlage solcher Nachweise in Betracht zu ziehen. Die Kommission fordert die ESMA insbesondere auf, Informationen über unangemessenes kurzfristiges Denken auf den Kapitalmärkten zu sammeln, u. a.: i) Portfolioumsatz und Perioden von Beteiligungen durch Vermögensverwalter; ii) Bestehen von Praktiken auf den Kapitalmärkten, die einen übermäßigen kurzfristigen Druck auf die Realwirtschaft erzeugen.

Einzelheiten zu Maßnahme 10 sind noch nicht kommuniziert. Es lässt sich dennoch das Bemühen der EU-Kommission erkennen, die den Fokus auf Nachhaltigkeit verstärken möchte. Sie will die Rahmenbedingungen für Unternehmensführung neu ausgestalten.

Humankapital ein unterschätzter Wert?

Aber auch der Wert von Humankapital wird uns im Zuge der aktuellen Krise vor Augen gehalten. Es hat sich bezahlt gemacht, wenn Unternehmen einen guten Dialog mit ihren Mitarbeitern führen. Mitarbeiter, die zum Unternehmen stehen, sind mitunter leichter durch die Krise zu leiten, als jene, die sich nicht mit der Vision und den Werten des Unternehmens identifizieren können. Ein gutes Beispiel sind hier die Mitarbeiter der Wien Energie, die sich freiwillig abschotten, um das System am Laufen zu halten. Es sind aber vor allem die Frauen, die uns durch die Krise bringen. Im Einzelhandel aber auch in Pflegeberufen arbeiten Frauen – und das für wenig Geld. Unser aller Wohl hängt zurzeit gerade von Personen ab, die wenig verdienen. Etliche Unternehmen haben das erkannt und reagieren mit Bonuszahlungen auf den außerordentlichen Einsatz. Hier bleibt die Frage offen, ob die Wertschätzung nachhaltig ist, also nach der Krise nicht ebenso schnell verschwindet wie sie gekommen ist. Was sich aus unserer Sicht sicher ändern wird, ist die digitale Arbeitswelt. Wurde bis vor der Krise in vielen Unternehmen Home Office oft unterbunden, weil Kontrollfreaks unter den Führungskräften dagegen waren oder weil es technisch einfach nicht möglich war, aus der Not heraus wurde in Rekordtempo eine tragfähige, effiziente Struktur geschaffen. Hier wird ein Rückschritt wohl schwer erklärbar sein. Remote Work wird sich auch nach der Krise weiter etablieren, was wiederum zu Einsparungen bei Sachkosten wie Immobilien, Energie oder Reisespesen etc. führen kann. Die Krise hat „the New Way of Work“ schneller ermöglicht, als sich das viele hätten träumen lassen.

Die aktuelle Krise erinnert uns wie sehr die Wirtschaft in ein soziales und ökologisches System eingebettet ist. Bleibt nur zu hoffen, dass wir daraus lernen und anderen drohenden Krisen, wie der Klimakrise, weiterhin entschlossen entgegentreten. Hoffnung besteht, da die EU bereits mehrmals betont hat am Green Deal festzuhalten. Wichtig wäre es auch, dass wesentliche strukturelle Veränderungen für nachhaltiges Wirtschaften nicht der kurzfristigen Symptombekämpfung geopfert werden. Langfristig muss die Wirtschaft wieder neu gestartet werden. Investitionen müssen getätigt werden. Hier kann der Investitionsplan des Green Deals als Stimulus für die Wirtschaft dienen. Energieeffiziente Investitionen in den Bausektor ist nur ein Beispiel von vielen.

Eine Krise schweißt zusammen und am Ende herrscht meist Aufbruchsstimmung. Es liegt an uns – egal ob Privatperson oder Unternehmer – diese zu nützen, um mit zukünftigen Geldentscheidungen unsere Zukunft nachhaltig mitzugestalten.

1 Mit einer ISO 28000 Zertifizierung können Unternehmen nachweisen, dass sie die Risiken innerhalb ihrer Lieferkette nicht nur identifiziert, sondern auch die entsprechenden Maßnahmen hinsichtlich Sicherheit in der Produktion, Lagerung, Distribution und auch dem Warentransport umgesetzt haben.

Wir hoffen, Sie hatte Freude beim Lesen. Falls sie Fragen haben, anderer Meinung sind oder einfach so mit uns reden wollen, kontaktieren Sie uns im Office oder Frau Eva-Maria Grosse direkt.

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